Nassauer Gespräche

25.09.2008: Seminarzentrum Gut Siggen
Oldenburg (Holstein)

Gut Siggen

Tagungsstätte "Gut Siggen" in Holstein

 

Die späten 50er und 60er Jahre gelten als die zweite, "intellektuelle Staatsgründung" der Bundesrepublik, nachdem die "erste Staatsgründung" mit der Verfassungsgebung, dem wirtschaftlichen Wiederaufbau und der Westintegration erfolgreich abgeschlossen war und zunehmend an einem Legitimationsdefizit litt. Diskutiert wurde der kulturelle Umbruch der frühes Bundesrepublik im Zusammenhang mit der Rolle von zwei Generationen in den 60er Jahren: die der "68er" in Abgrenzung von ihrer Vorgängergeneration, der "45er". Die "68er", geboren in den späten 30er Jahren bis Ende der 1940er Jahre, trugen die Studentenbewegung der späten 60er Jahre; die "45er", geboren von den frühen 1920er Jahren bis in die frühen 1930er Jahre, prägten maßgebend die innere Demokratisierung und kulturelle Verwestlichung der Bundesrepublik. Galt diese Alterskohorte unter dem Stichwort "skeptische Generation" oder "Flakhelfer-Generation" lange als weitgehend unpolitisch und lediglich vom wirtschaftlichen Aufbauwillen getragen, so haben neuere Studien hervorgehoben, dass diese Generation zugleich eine umfassende Traditionskritik betrieb und alles andere unpolitisch war. Seit den späten 50er Jahren hatten sich die intellektuellen Wortführer und aufstrebenden jüngeren Politiker hauptsächlich aus dieser Generation rekrutiert. Es waren die zornigen und kritischen Angehörigen der Generation der 40jährigen, die mit ihren Büchern, Zeitschriftenpublikationen und Medienauftritten seit den späten 1950er Jahren weitgehend die Themen und Stichworte vorgegeben haben, die dann mit der 68er Bewegung ein großes Publikum gefunden haben.

 

Neben Schriftstellern wie Heinrich Böll, Günther Grass und Martin Walser Soziologen wie Theodor Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas und Ralf Dahrendorf. Aber auch bildende Künstler, wie die Vertreter des europäischen Informel und des amerikanischen abstrakten Expressionismus von E. Nay, J. Pollok bis J. Beuys, die nach dem Wiederentdecken der verfemten klassischen Moderne auf der ersten documenta (1955) der Avantgarde der 50er Jahre auf der zweiten documenta (1959) zum Durchbruch verhalfen.

 

Die Annahme des Generationswechsels bzw. – im Falle der 68er – eines Generationskonflikts wird als einer der auslösenden Faktoren für eine intellektuelle Wendezeit und Aufbruchsituation verstanden, die ihren Höhepunkt mit der Protestbewegung bzw. Kulturrevolution von 1968 und mit dem politischen Machtwechsel von 1969 erlebte; ihre Inkubationsphase begann in den späten 1950er Jahren. Die intellectual history der frühen Bundesrepublik wird in einem engen Zusammenhang mit der Abfolge der politisch-kulturellen Generationen gesehen. Der kulturelle Wandel gilt als Durchbruch zur "Selbstanerkennung der Bundesrepublik als westliche Demokratie". Die 45er werden als publizistische und politische Streiter für Reform und Kritik, für eine bewusste Westorientierung, aber zuweilen auch als Vordenker eines "dritten Weges", eines demokratischen oder humanistischen Sozialismus gesehen. Mit ihnen wird zunehmend die NS-Verstrickung der deutschen Gesellschaft thematisiert und damit das Ende des "kollektiven Beschweigens" der NS-Vergangenheit eingeläutet.

 

Zugleich entsteht seitdem eine "Kultur des Verdachts", die nach Meinung von einigen Kritikern zu einer politisch-kulturellen Belastung und (vorübergehenden) Delegitimierung der Bundesrepublik führte. Diese Kritik ist zugleich Teil einer heftigen öffentlichen Debatte um Reform und Amerikanisierung, die für manche Beobachter einen "romantischen Rückfall" in kulturpessimistische und zivilisationskritische Positionen der deutschen Zwischenkriegszeit nun im neomarxistischen Gewande und eine Verweigerung gegenüber der industriegesellschaftlichen Moderne bedeute, auf jeden Fall immer auch eine Debatte über die Rolle der Intelektuellen und ihre Politisierung beinhaltete und damit das politisch-kulturelle Klima prägte. Die Heftigkeit dieser Kontroversen kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass damit die Erfahrung und Anerkennung eines politisch-kulturellen Pluralismus einherging und damit auch die Liberalisierung der politischen Kultur der Bundesrepublik gefördert wurde.

 

Angesichts der Vielfalt der alten und neuen Muster der Selbstdeutung der deutschen Gesellschaft, die sich in dieser Umbruchphase nebeneinander, miteinander und gegeneinander entfalteten, wäre es unzureichend, die Diskurse dieser Zeit in eine starre, rechts-links-Dichotomie zu pressen und sie auch nur als Theorien über die deutsche Vergangenheit zu definieren; auch bleibt dieser Diskurs nicht nur der Sache wissenschaftlicher Institutionen und intellektueller Zirkel, sondern die Themen des Auf- und Umbruchs finden bald Eingang in größere und wirkungsmächtigere Foren der intellektuellen Auseinandersetzung, in die Nachtstudios von Rundfunkanstalten, die Programme kirchlicher Akademien und anderer Bildungseinrichtungen. Dieser Diffusionsprozess ist mitentscheidend dafür, dass der Prozess der Moderne unumkehrbar wird und eine lange Tradition des Kulturpessimismus zum Abschluss bringt bzw. diese zu eine Gestalt- und Argumentationswandel veranlasst.

 

Die Vordenker und Akteure dieses intellektuellen Aufbruchs, ihre Themen und Foren, sind in der zeitgeschichtlichen Forschung bislang auf einige Namen und Institutionen beschränkt geblieben: auf die Sozialwissenschaften und vor allem die Frankfurter Schule, auf die Schriftsteller der Gruppe 47, auf die Akademien und Rundfunkanstalten. Das sehr viel breitere Spektrum, die Interdependenz und Gleichzeitigkeit der verschiedenen Themenfelder und Debatten, in denen sich der Aufbruch manifestierte; die Erfahrungen und Ansichten einer jungen intellektuellen Generation, die diese Diskurse prägte, bleiben ungeklärt oder auf die Erinnerung der Mitlebenden beschränkt. Die 40. Wiederkehr des zum Mythos gewordenen Jahres 1968, das in vieler Hinsicht nur die "Hochwassermarke" einer sehr viel breiteren und langfristigeren Bewegung und Umbruchsituation bildete, bot den Anlass, den Blick auf die Vorlauf- und Inkubationsphase des intellektuellen Aufbruchs seit den späten 1950er Jahren zu richten und den Diffusions- wie den Transformationsprozess der Denkanstösse der 45er in der gesamten kulturellen Breite zu thematisieren.

 

Programm:

Donnerstag, 25. September 2008

15.30 Uhr  | Begrüßung

Karl Teppe (Freiherr-vom-Stein-Gesellschaft)
Einführung

Hans-Ulrich Thamer (Münster)

 

Sektion I: Kunst, Journalismus, Kabarett

Moderation:

Hans-Ulrich Thamer

15.45 Uhr

Christian Spies (Basel)
Letzte und erste Bilder. Zäsuren der Malerei in den 1950er Jahren

16.30 Uhr Kaffeepause

16.45 Uhr

Maria Daldrup (Gießen)
"Vergangenheitsbewältigung" und Demokratisierungsansätze im Deutschen Journalisten-Verband von den
 1950er bis 1980er Jahren

17.30 Uhr

Detelf Briesen (Siegen)
Das politische Kabarett in der Bundesrepublik in den 50er und 60er Jahren. Lost Generation, kritische
Öffentlichkeit und Medienrevolution

18.30 Uhr Abendessen

20.15 Uhr

Film "Provokation Lebenselement der Gesellschaft – Zu Kunst und Antikunst" (mit Max Bense, Joseph Beuys,
Max Bill, Arnold Gehlen, Wieland Schmied; WDR 1970)

 

Freitag, 26. September 2008

Sektion II: Medien, Öffentlichkeit, Parteien

Moderation:

Jürgen Reulecke (Gießen)

09.30 Uhr

Christoph Hilgert (Gießen)
Die 68er als "Generation Jugendfunk"? Politische Aufklärung von Jugendlichen im Hörfunk der 1950er Jahre

10.15 Uhr

Marcus M. Payk (Potsdam)
"... die Herren fügen sich nicht; sie sind schwierig." Intellektuelle Konflikte und intergenerationelle 
 Konstellationswechsel bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung bis 1970

11.00 Uhr Kaffeepause

11.15 Uhr

Peter Hoeres (Gießen)
Abwehr und Aneignung der Demoskopie im intellektuellen Diskurs der frühen Bundesrepublik

12.00 Uhr

Daniel Schmidt (Münster)
Herausforderung 1968 – Generationeller Wandel und politisch-kultureller Umbruch in der CDU 1967-1982

13.00 Uhr  Mittagessen

Sektion III: Literatur und Publizistik

Moderation:

Karl Teppe (Münster)

14.30 Uhr

Dominik Geppert (Berlin)
Die Gruppe 47 und "1968"

15.15 Uhr Kaffeepause

15.45 Uhr

Anne Fuchs (Dublin)
Die Befreiung aus der Provinz:kulturelle Umbruchtopoi in der Autobiografie Ludwig Harigs

16.30 Uhr

Alexander Gallus (Rostock)
Die Erben der "Weltbühne": Weimarer Linksintellektuelle und die frühe Bundesrepublik

17.15 Uhr Kaffeepause

17.30 Uhr

Film "Zeitzeugen des Jahrhunderts. Helmut Schlesky im Gespräch mit Ludolf Herrmann" (ZDF 1983)

18.30 Uhr   Abendessen

 

Samstag, 27. September 2008

Sektion IV: Wissenschaften, Universitäten, Konfessionen

Moderation:

Franz-Werner Kersting (Münster)

09.30 Uhr

Daniela Münkel (Hannover)
Die Reform der bundesdeutschen Universitäten – intellektuelle Kontroversen um ein intergenerationelles Projekt

10.15 Uhr

Tobias Freimüller (Jena)
Sozialpsychologie als Selbstaufklärung. Alexander Mitscherlich und die deutsche Öffentlichkeit in den 50er und 60 Jahren

11.00 Uhr Kaffeepause

11.15 Uhr

Klaus Große Kracht (Potsdam)
Von der "Rechristianisierung der Gesellschaft" zur "sauberen Bewältigung der Realität". Wandlungen im
Sendungsbewusstsein katholischer Intellektueller in der frühen Bundesrepublik (1945-1960)

12.00 Uhr

Pascal Eitler (Berlin)

"Auferstehung" als "Aufstand". Politische Theologie und Bewaffneter Widerstand um "1968"

13.00 Uhr Mittagessen
                

 

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